Mit der Frankfurter Erklärung fordern wir die Einführung eines bundesweiten Leseetats für Schulbibliotheken sowie die Bereitstellung von Mitteln für ausreichendes Personal zur Betreuung der Bibliotheken. Die Schule ist mittlerweile der wichtigste Ort, an dem Kinder Bücher finden und lesen lernen.

Wir möchten, dass Schulbibliotheken zu Anziehungspunkten werden, in denen Kinder und Jugendliche sich gerne aufhalten und Lust aufs Lesen bekommen. Dazu gehört eine breite und attraktive Auswahl an aktuellen Büchern. Welchen Impact gut ausgestattete Schulbibliotheken auf die Lesekompetenz der Schüler haben, zeigen uns Beispiele anderer Länder.

Ohne Lesekompetenz kein Wirtschaftswachstum

Bildung hat für die Gesellschaft eine Schlüsselfunktion.

Sie ist die Basis der Demokratie und entscheidend für die erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung.

Lesen ist die Grundvoraussetzung für Bildung.

Die Lesekompetenz spielt deshalb in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen eine zentrale Rolle. Aber: 25% der Viertklässler können nicht ausreichend lesen.

Für den Start ins selbstständige Lesen hat die Schule mittlerweile die wichtigste Funktion.

Lesen beginnt mit Spaß an Büchern. Bücher, die Kinder begeistern, sind nicht an allen Schulen zugänglich.

Schulen fehlt sowohl die finanzielle als auch personelle Voraussetzung für Schulbibliotheken.

Attraktive Schulbibliotheken werden gebraucht, um gute Lesekonzepte für alle Kinder umzusetzen. Jedoch fehlt es an aktueller Ausstattung sowie ausreichendem Personal, das sich darum kümmert.

Die avj fordert

  • Einen bundesweiten Leseetat für Schulbibliotheken sowie ausreichendes Personal.

  • Dieser Leseetat muss gesetzlich verankert werden!

  • Die Politik muss im Sinne des Wirtschaftsstandorts Deutschland handeln – jetzt!

Ausstattung der Bibliotheken in Kita, Hort & Schule

Verlage erhalten tausende Anfragen für Bücherspenden

Jedes Jahr erreichen die Kinder- und Jugendbuchverlage tausende Anfragen für Bücherspenden. Die meisten Anfragen kommen von Schulbibliotheken.

Die avj hat dazu 2022 eine Umfrage bei ihren Mitgliedsverlagen durchgeführt und ermittelt, dass auf das Jahr gerechnet Buchspenden im Wert von rund 1,0 Million Euro angefragt werden.„Wir können das in diesem Maße nicht leisten!“, war die einhellige Meinung auf der Jahresmitgliederversammlung. Denn auch wenn uns Verlagen die Leseförderung sehr wichtig ist und wir viele Aktionen gerne unterstützen, sind wir zunächst einmal Wirtschaftsunternehmen. Unser Gut sind professionell erstellte literarische Stoffe für Kinder und Jugendliche. Gerade in Zeiten von steigenden Preisen für Papier, Energie und Fracht tragen wir nicht zuletzt eine wirtschaftliche Verantwortung für unsere Autor*innen, Illustrator*innen, Übersetzer*innen und Mitarbeiter*innen.

Die ausreichende Ausstattung unserer Schulen mit Bibliotheken und nötigem Personal ist eine staatliche Aufgabe, die nicht von uns Verlagen übernommen werden kann.

Bibliotheken in Kitas, Schulen, Horten ausstatten

Die Studien der letzten Jahre (IGLU-Studie 2023, PISA-Studie 2022, IFS-Schulpanelstudie 2022 u.a.) zeigen, die Lesefähigkeit der Schüler*innen sinkt weiter dramatisch.

Laut der letzten IGLU-Studie können 25% der Viertklässler nicht ausreichend lesen. Analog dazu hat auch die letzte PISA-Studie gezeigt, dass ein Viertel der 15-Jährigen nicht über die Lesekompetenz verfügt, die für eine erfolgreiche Berufsausbildung nötig ist. Zugleich trifft das Kinder aus sozial weniger privilegierten Familien nach wie vor ungleich stärker.

Die gute Nachricht ist: Es gibt sowohl in Deutschland als auch international wissenschaftlich fundierte Lösungsansätze, die teilweise auch schon erfolgreich erprobt sind. Zu nennen wäre beispielsweise die verbindliche Lesezeit im Unterricht nach dem Hamburger BiSS-Programm. Aus anderen Ländern wissen wir zudem, welch positiven Einfluss gut sortierte Bibliotheken in Kitas und Schulen auf die Entwicklung der Lesekompetenz haben.

Deutschland verfügt über einen herausragenden Markt an Kinder- und Jugendbüchern. Aber viele Kinder kommen in ihrem privaten Umfeld kaum noch mit Büchern in Berührung. Deshalb müssen die Bücher dorthin, wo die Kinder und Jugendlichen sind: In die Kitas und an die Schulen.

Erfolgreiche Konzepte in anderen Ländern

International gibt es einige positive Beispiele, in denen der Staat die Literatur- und Leseförderung als politische Aufgabe wahrnimmt.

In Südtirol gibt es eine große Dichte an Schulbibliotheken, die von der Landesverwaltung gefördert werden. Die Förderung ist gesetzlich verankert und verpflichtet sowohl die Landesverwaltung zur Bereitstellung von Mitteln als auch die Bibliotheken zur Einhaltung definierter Standards in jeder Schule.

In den USA gibt es für Schulbibliothekar*innen eine Ausbildung, was unterstreicht, dass die Schulbibliotheken dort einen anderen Stellenwert genießen. Sie werden stärker in den schulischen Alltag und die Prozesse eingebunden. Zum positiven Einfluss von Schulbibliotheken auf die Kompetenzen und schulischen Leistungen der Schüler gibt es auch einige Studien aus den USA. Diese weisen auf die Bedeutung hin, dass ausreichende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden müssen, damit die Bibliotheken professionell geführt werden können.

In Norwegen wird die Literatur im allgemeinen gefördert. Das kommt auch den Bibliotheken zugute und ermöglicht dadurch allen Bürgern den freien Zugang zu Literatur: Das wichtigste Instrument dafür ist die „Abnahmeregelung“: Der norwegische Kulturrat verwaltet einen Fonds, aus dem jährlich zwischen 770 und 1.550 Exemplare von über 600 Neuerscheinungen angekauft und öffentlichen Bibliotheken zugeteilt werden. Damit ist der freie Zugang zu Büchern ist für alle gewährleistet und für die Verlag sinkt das wirtschaftliche Risiko. Zudem erhöhen sich die Einnahmen für die Autoren.

Und schaut man auf die weiteren skandinavischen Nachbarländer, dann zeigt sich, dass in Dänemark, Finnland und Schweden Schulbibliotheken stärker gefördert werden.

Stapel von Kinderbüchern mit Spielfiguren aus Holz

„Viele Verlage haben schon zu hören bekommen, dass das von der öffentlichen Hand zur Verfügung gestellte Geld für das Mobiliar der Leseräume ausgegeben wurde. Für die Bücher, den eigentlichen Grundstock jeder Leseecke und Bibliothek, reicht es dann aber nicht mehr und diese sollen kostenfrei von den Verlagen zur Verfügung gestellt werden.“

Bernd Herzog, Vorstand der avj

Stimmen von Autor*innen

Jugendbuchautor Salah-Naoura. Foto-Copyright: Till Hülsemann

„Wir verspielen die Zukunft unserer Gesellschaft, denn Lese- und Sprachkompetenz sind der zentrale Schlüssel zu Bildung und Wohlstand.

Was wir endlich brauchen, ist eine nationale Anstrengung von Bund, Ländern und Kommunen. Übersetzt ins heutige Politiker-Deutsch: einen Triple-Wumms für unsere Kinder – they walk all alone.“

Bild: © Till Hülsemann

Foto Cornelia Franz © Arne Vollstedt

„Ich unterstütze den Appell, nicht an falscher Stelle zu sparen: Bücher für Kinder und Jugendliche sind Lebens-Mittel!“

Bild: © Arne Vollstedt

Foto Martin Baltscheit © WEILER

„Die Kunstschaffenden der Bilderbücher arbeiten schon lange am Existenzminimum. Erlöse und Bezahlung sind für die meisten von uns kein Broterwerb, sondern Hobby. Und jetzt ist in Corona- und Post-Coronazeiten noch die Kaufbereitschaft zurückgegangen. Dabei haben sich produzierende Verlage bei der Preisentwicklung viele Jahre zurückgehalten. Bücher müssen teurer werden, und in der Folge wird der Absatz weiter sinken. Bücherspenden können sich weder Verlage noch Autorinnen und Autoren leisten. Hier ist der Staat gefragt.“

Bild: © Stephanie Weiler

Foto Sabine Ludwig © Andreas Eisenhart

„Oft mache ich Lesungen in Bibliotheken und einerseits rührt es mich, dass sich dort fast immer ein Exemplar meines ersten Buches von 1989 befindet, andererseits bin ich irritiert über den teils völlig veralteten Bestand, der sich zudem – bei Kinderbüchern wohl zwangsläufig – in keinem guten Zustand befindet. Wenn wir Kinder und Jugendliche in die Bibliotheken holen wollen, dann reicht es nicht, den Bestand an DVDs und Computerspielen aktuell zu halten – es braucht auch ‚frische‘ Bücher. Und hier sehe ich die Politik in der Pflicht. Es kann nicht sein, dass öffentliche Institutionen Bücher erbetteln müssen, worunter in erster Linie wir Autor*innen leiden, da die ‚verschenkten‘ Bücher in unseren Abrechnungen als ‚Freiexemplare‘ auftauchen und nicht honoriert werden.“

Bild: © Andreas Eisenhart

Foto Ulf Blanck © privat

„Selbstverständlich kann ich die Initiative voll und ganz unterstützen.

Ich bin viel in Schulen, Einrichtungen und Bibliotheken unterwegs und oftmals sind die Bücherregale spärlich und veraltet bestückt.

Schade dann für das große Engagement der Betreiber. Das Zeitfenster für eine erfolgreiche Leseförderung bis zu den weiterführenden Schulen ist begrenzt und muss optimal genutzt werden. Attraktives und frisches Lesefutter ist dafür notwendig. Spenden und Ehrenamt reichen hier nicht aus.“

Bild: Privat

Foto Margit Auer © Richard Auer

„Oper, Theater, alles wunderbar. Aber nirgendwo sind Steuergelder besser aufgehoben als in Bibliotheken. Wenn wir hier sparen, kriegen wir die Quittung irgendwann zurück – und haben Kinder in unserer Gesellschaft, die nicht lesen können. Das darf nicht sein!“

Bild: © Richard Auer

Foto Holly-Jane Rahlens © Heike Barndt

„Natürlich unterstütze ich die Frankfurter Erklärung. Wieso sollen wir, Verlage und Autoren, unsere Bücher verschenken? Weil es einer gute Sache, also der Leseförderung dient? Niemand käme auf die Idee im Sinne der Leseförderung die Grundschullehrer, Erzieher, Bibliothekare zum Gehaltsverzicht aufzufordern. Deshalb: Der Staat soll seinen Kindern die Bücher zur Verfügung stellen, die die Pädagogen für sinnvoll halten. Das ist eine Win-Win-Situation, für alle, eine Investition ohne Risiko und mit großer Nebenwirkung.“

Bild: © Till Hülsemann

Foto Kirsten Boie © Olaf Malzahn

„Auch wir Kinderbuchautor*innen erhalten regelmäßig derartige Anfragen nach kostenlosen Büchern. Nur durch Schul- und Kita-Bibliotheken erreichen wir auch diejenigen Kinder, deren Eltern mit ihnen keine öffentlichen Büchereien besuchen – genau diejenigen also, die dann später häufig zu den 20% der Schulabgänger*innen gehören, die funktionale Analphabeten*innen bleiben. Schulbibliotheken sind darum auch wichtig für den Erwerb von Lesekompetenz.“

Bild: © Heike Barndt

Foto Isabel Pin © privat

„Als Kinderbuchautorin und regelmäßige Referentin in Kitas, Schulen und Zentren für geflüchtete Familien sehe ich einen enormen Bedarf, um Kindern und ihren Betreuern den Zugang zu Sprache, Lesen und Büchern zu erleichtern.“

Bild: Privat

Foto Jutta Bauer © Karen Seggelke

„Ich finde die Frankfurter Erklärung gut. Mich verwundert schon lange, warum erwartet wird, dass ausgerechnet Künstler und Autoren die Kultur und die Leseförderung sponsern. Sollten Unterstützer nicht ganz woanders gesucht werden? Wir leben von unseren Honoraren, und die meisten Künstler sind eher arm. Wenn alle verstehen, dass bei dieser ‚Verschenk-Kultur‘ am Ende die Einkommenseinbuße der Kreativen steht, wächst vielleicht die Erkenntnis, dass daran was verkehrt ist. Liegt am Boden dieser Umsonst-Anfragen vielleicht sogar eine leise Geringschätzung oder Fehleinschätzung unserer Arbeit?
Ein Beispiel aus einem anderen Bereich könnte das illustrieren: Jemand geht in einen Milchladen, nimmt eine Milchtüte und fragt nicht nach dem Preis, sondern findet, dass sie für einen guten Zweck getrunken wird und deshalb nicht bezahlt werden braucht. Beim Milchladen oder Klempner käme keiner auf die Idee,
beim Künstler schon.“

Bild: © Karen Seggelke

Foto Kai Pannen © Frank Siemers

„Eine gut bestückte Schulbibliothek ist ein Muss für jede Kita und Schule, um die Lesekompetenz zu fördern. Gerade für Kinder, die von Haus aus wenig Leseanreize bekommen, ist die Schulbücherei oft der erste und einzige Anlaufpunkt, um mit Büchern in Kontakt zu kommen und untereinander die Erfahrung zu machen, dass Lesen Spaß machen kann.“

Bild: © Frank Siemers